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Heimatgeschichte - von Notburga Schäfer, geb. Borbonus

Unser Dorf nach dem zweiten Weltkrieg; die Ankunft der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen.

Mai 1945. Der unselige Krieg war zu Ende. Die Stunde Null hatte geschlagen. Die Siegermächte besetzten unser Land und so fiel unser Dorf Obertiefenbach der amerikanischen Besatzungszone zu.

Die Amerikaner setzten Alois Borbonus, der keine nazistische Vergangenheit hatte, als kommissarischen Bürgermeister von Obertiefenbach ein.

Er nahm seinen Sohn und seine Tochter für die Büroarbeiten und als Mitarbeiter zu Hilfe. Niemand wollte in diesen Notzeiten bei einer Behörde arbeiten. Die gewohnte Ordnung in den Dörfern war aus den Angeln gehoben. Nahrungsmangel, Kummer und Armut breiteten sich weiter aus. Es setzte eine wahre Völkerwanderung ein. Im Ort beschäftigte Kriegsgefangene, russische Zwangsarbeiter, alle strebten ihrer Heimat zu. Hinzu kam, daß viele Durchwanderer am Abend total ausgehungert Nahrung und eine Schlafstelle suchten. Das zu bewältigen fiel dem Bürgermeister zu. Die Wachstube im Rathaus war täglich besetzt, das reichte aber nicht aus, so daß Scheunen und andere Unterkünfte herhalten mußten. Oft stand nicht einmal das notwendige Trinkwasser zur Verfügung. Die Rohrleitungen der Wasserleitung hielten den schweren amerikanischen Kriegsfahrzeugen nicht stand und zahlreiche Rohrbrüche wurden verursacht.

Viele Bombengeschädigte aus dem Rhein-Main und Ruhrgebiet - 350 Personen - hauptsächlich Frauen und Kinder - hatten bis Kriegsende Unterschlupf und Notbehausungen bei Verwandten und Bekannten gefunden. Jeglicher Wohnraum war überbelegt. Nach Kriegsende zog es viele zurück , wenn auch in zerbombte und notdürftige Wohnungen und Städte. Dafür kamen immer mehr Flüchtlinge aus russisch besetzten Gebieten. Sechs Familien mit je 5 - 6 Personen und viele Einzelpersonen, die nicht in ihre Heimat zurück konnten.

Die amerikanische Militärregierung residierte in Weilburg und gab für unseren Kreis die Verordnungen und Befehle aus. Da gab es keinen Widerspruch und der Bürgermeister sah sich beim Rapport immer mit einem Bein im Gefängnis, weil er für alles Verantwortung tragen sollte. Die Ablieferungsquoten an Vieh, Kartoffeln und Getreide wurden diktiert. Ein Landwirt meinte sogar, mit dem drohenden Messer in der Hand könne er sich von der Ablieferung seines Solls befreien. Inspizierte eine amerikanische Abordnung unser Bürgermeisteramt , das sich im alten Rathaus befand, so zeigte sie ihre Macht mit amerikanischen Manieren. Sie sprachen bewußt nur englisch. Ein Offizier setzte sich an den Schreibtisch, legte die Beine darauf und stieß mit einem Fuß das Tintenfaß zu Boden. Wir wagten nicht, unser Mißfallen zu zeigen.

Ging der Bürgermeister durch den Ort, so mußte er oft beide Augen und Ohren schließen, weil aus der Not eine Tugend wurde und Schwarzschlachten und Branntweinbrennen an der Tagesordnung waren.

In dieser vom Elend gezeichneten Zeit wurde der Gemeinde Obertiefenbach am 13. März 1946 der erste Transport mit 60 Heimatvertriebenen aus Blattnitz/Mies, Sudetenland, zugewiesen. Er bestand aus 14 kinderreichen Familien, in denen meistens der Vater noch fehlte und 4 Einzelpersonen. Der 13. März war ein unfreundlicher, kalter, teils verregneter Tag, so daß der Rathaussaal geheizt werden mußte, der die Angekommenen beherbergte. Für die kleinen Säuglinge besorgten wir in der Nachbarschaft frische Milch, und die Familien bekamen einen „Quartierzettel". Nur ganz wenige fanden freundliche Aufnahme und bescheideten sich mit einem „kleinen Stübel". Die meisten erhielten keinen Einlaß und kamen zurück. Der Bürgermeister mußte oft mehrere Male intervenieren. Er mußte an das christliche Gewissen, die Nächstenliebe appellieren und so hatten bis zum Abend alle Vertriebenen ein Dach über dem Kopf, bis auf eine Familie, Mutter und 6 Kinder, die dann in der Schule untergebracht wurden. Da kein Ofen vorhanden war, versorgte der Bürgermeister sie persönlich mit einer warmen Suppe, die seine Frau gekocht hatte. In den nächsten Tagen bekamen viele einen kleinen Einheitsherd um ein wenig Hunger und Kummer zu stillen. Manche Vertriebenen konnten das Herzeleid nicht verkraften, und so starb schon drei Tage nach Ankunft eine Frau von 55 Jahren.

Trotz allen Ärgers in der Bevölkerung „so lange noch ein Nazi in seinem Bett liegt, kommt mir keiner ins Haus!" gab es auch viele, die von dem Elend zutiefst ergriffen waren. Vor allem diejenigen, die unmittelbar mit der Not und Hilflosigkeit der Ankömmlinge befaßt waren, hatten schlaflose Nächte. Damit war aber das Drama der Vertreibung noch nicht zu Ende.

Am 02. Mai kam ein neuer Transport, 95 Heimatvertriebene, davon 50 aus Niedergeorgenthal, Kreis Brüx, 35 aus Brüx, 10 aus Oberleutensdorf. Die kärgliche Unterbringung wiederholte sich mit allen Widerständen und allem guten Willen. Während die Heimatvertriebenen vom 13. März überwiegend aus einer landwirtschaftlichen Gegend stammten, waren die vom 02. Mai mehr durch Bergwerk und Industrie geprägt.

Am 02. Juli kamen 101 weitere Heimatvertriebene. 64 aus Sandau, Kreis Marienbad und 36 aus Dreihaken und einer aus Brüx. Die sommerliche Wärme machte es möglich, die neue Gruppe wie die Ankömmlinge zuvor in der Turnhalle unterzubringen. Die Einweisung in Privathäuser nahm unheimliche Formen an. Allein 12 Großfamilien mit Kindern wollten natürlich zusammenbleiben. Viele Berufe waren vertreten: Beamte, Angestellte, Selbständige, Arbeiter und hauptsächlich Hausfrauen. Die Familien zogen mit ihren Quartierzetteln ins Dorf und kamen bald wieder zurück in die Turnhalle. Das Gasthaus „Nassauer Hof" sorgte für eine warme Suppe am Abend. Es dauerte Tage, bis alle untergebracht waren. Die Erntezeit war in vollem Gange und viele Vertriebenen halfen dabei. Viele Männer suchten in der einheimischen Schwerindustrie Arbeit und alle kämpften, die Notzeiten zu überwinden.

Am 02. Oktober 1946 kam ein weiterer Transport mit 52 Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland. Wegen der kühlen Jahreszeit wurden sie zunächst ins Gasthaus „Nassauer Hof" gebracht. 11 Personen stammten aus Petschau, 8 aus Neudorf, Kreis Marienbad, 4 aus Weiskirchlitz, 10 aus Hühndorf/Tepl, 16 aus Landeck, Kreis Marienbad, 3 aus Dreihunken. Es waren Familien, die sich aus jungen und alten Personen verschiedener Berufe zusammensetzten. Erdrückend war der Anblick der Vertriebenen, die auf ihrer kleinen Habe, meist ein gefüllter Sack und Koffer mit dem Notwendigsten saßen, genau wie alle vorherigen. Sie mußten wieder in die kleinsten, noch freien Winkel eingewiesen werden. Zum Gotterbarmen hausten einige auf Speichern, Remisen usw., aber das war noch nicht das Ende.

Die letzte Gruppe von 50 Vertriebenen erreichte am 27. Oktober 1946 unser Dorf. Sie wohnten früher in Tetschen, Kleinwerscheditz, Kleinfürwitz, Brüx, Saaz und 7 Personen in Litauen.

Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß viele Ortseinwohner vorbildlich die Tugend der Barmherzigkeit und stille Nächstenliebe übten.

Die Einwohnerzahl unseres Dorfes nahm rapide zu, denn viele Soldaten aus der Einquartierung im Krieg konnten nicht mehr in ihre alte Heimat zurück. Sie ließen sich hierher entlassen und holten ihre Angehörigen nach. Ehemänner und Familienangehörige, die aus Gefangenschaft oder Internierung kamen, fanden in Obertiefenbach ihre Familie wieder. Im Dorf waren inzwischen 500 Vertriebene und Flüchtlinge aufgenommen und noch ca. 100 Evakuierte aus den verbombten Städten.

Vor dem zweiten Weltkrieg zählte Obertiefenbach 1450 Einwohner. Nun näherte sich die Einwohnerzahl der 2000-Grenze, und es darf nicht vergessen werden, daß durch Krieg und Gefangenschaft 150 Obertiefenbacher Kriegsteilnehmer, gefallen, vermißt und nicht mehr zurückgekehrt sind. Im übrigen war die bauliche Dorfstruktur überhaupt nicht auf Mieter und Zweitfamilien eingerichtet. Vor Kriegsbeginn wohnte überall nur eine, meist Großfamilie in den kleinen ärmlichen Einfamilienhäusern. Zu diesen primitiven Wohnverhältnissen kam hinzu, daß die Erwerbsverhältnisse für die meisten Berufstätigen völlig aussichtslos aussahen. Auch gab es vereinzelt bei den älteren Leuten Sprachschwierigkeiten, denn der sudetendeutsche Dialekt unterschied sich wesentlich von dem der Einheimischen. Nur die Kinder paßten sich sehr schnell an. Ein kleiner ca. 10-jähriger Junge sprach nach 14 Tagen akzentfrei unsere Mundart. Übrigens landete er später in der Schweiz und erhielt eine Professur für Sprachen.

Für den Lebensunterhalt setzte die Obrigkeit eine Soforthilfe ein. Diese reichte nur für das Notwendigste und wurde monatlich ausgezahlt. Für die Beheizung der kleinen Wohnräume stand der Wald mit seinem Reisig und Leseholz zur Verfügung. Im Sprachgebrauch hieß es „der Wald wird gekehrt". Beeren und Pilze dienten je nach Jahreszeit als ein kleines Zubrot.

Nach der Währungsreform am 20.06.1948 trat sowohl am Arbeitsmarkt als auch in der Wirtschaft eine Wende ein. Viele Familien zogen in die Städte, weil sie dort ihren Unterhalt verdienen und auch ihre Berufe größtenteils wieder ausüben konnten.

Die Grabreihen am Friedhof füllten sich mit vielen Heimatvertriebenen. Sie hatten die Vertreibung nicht verkraftet und wurden im Vergleich zu den Einheimischen zahlreicher dahingerafft.

Bald gründeten die Heimatvertriebenen einen Verband, setzten in den Ortschaften einen Obmann ein und sorgten für den Zusammenhalt mit regelmäßigen Versammlungen. Im Winter wurde ein Vertriebenenball abgehalten, die heimatlichen Lieder gesungen, Zusammengehörigkeit, Sitten und Brauchtum gepflegt. Die meisten neuen Familien waren auf dem Weg sich in unser Dorf zu integrieren. So manches liebe heimatvertriebene Mädchen heiratete einen jungen Dorfbewohner und umgekehrt. Die Wohnverhältnisse besserten sich, denn viele Neubauten, Siedlungshäuser, von der Gemeinde durch Zuwendungen unterstützt, wuchsen aus dem Boden. Inzwischen sind einige Ortsstraßen nach dem Herkunftsort der Vertriebenen benannt.

Nach ca. zwei Jahren der amerikanischen Militärregierung durften wieder ordentliche Wahlen durchgeführt und Gemeindevertreter und Gemeinderat gewählt werden, ebenso der

Bürgermeister Alois Borbonus.

Zweifellos war die Einbürgerung der 500 Heimatvertriebenen und Flüchtlinge eines der größten Verdienste auf die Bürgermeister Alois Borbonus am Ende seiner Dienstzeit am 31.12.1962 zurückblicken konnte. Seine großen Leistungen auf dem Gebiet des Orts- Straßenbaues, die vorbildliche Instandsetzung der Wasserleitung und Brunnenbohrung, Ausweisung und Erschließung von Baugelände, der Bachverrohrung bis hin zur Planung und Grundsteinlegung der Mehrzweckhalle waren für seine Tatkraft nicht so belastend wie der Umgang mit verzweifelten Menschenschicksalen.

Obertiefenbach im März 1998

Notburga Schäfer, geb. Borbonus