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Geschichte der Gemeinde Beselich

Gottfried von Beselich

Der Rufer – „unwürdiger Priester - Apostel des Goldenen Grundes"

Das 12. Jahrhundert war eine Zeit, in der vieles im „Aufbruch begriffen war", es war eine Zeit, in der in unserer Heimat und in der ganzen Welt einiges in Bewegung geriet, in der, so würden wir heute sagen, einiges los war.

Es war die Zeit, in der christliche Ritter versuchten, Jerusalem von den Türken zurückzuerobern, in der Kaiser einen erbitterten Streit mit dem Papst hatten, ja in der es zeitweise zwei Päpste gab, die gleichzeitig die geistliche Macht für sich beanspruchten. Es war aber auch die Zeit, in der innerhalb der Kirche Reformen stattfanden, in der die Orden sich wieder auf ihre ursprüngliche Aufgabe besannen, in der aber auch viele neue Orden und Klöster entstanden (z.B. die Zisterzienser, die Prämonstratenser und etwas später die Dominikaner und Franziskaner).

Auch in unserer näheren und weiteren Heimat war dieser Aufbruch zu spüren. Mehrere Namen sind mit diesem Aufbruch verbunden: Hildegard von Bingen, Elisabeth von Schönau, ihr Bruder Egbert von Schönau und schließlich Gottfried von Beselich.

Hildegard gründete nicht nur selbst Klöster, sondern trug durch ihre Predigtreisen viel dazu bei, daß Klöster und ganze Bistümer reformiert wurden.

Gottfried Clamator (= Der Rufer) von Beselich, der erstmals um das Jahr 1156 in einer Urkunde erwähnt wurde, trug zu dieser Reform insoweit bei, als er Kirchen und auch Brücken baute, Klöster selber gründete oder deren Gründung anregte, so z.B. bei Beselich, Altenberg, Walsdorf und Bubenheim.

Während uns die Urkunden, Überlieferungen und sogar eine Inschrift in einer Kirche von seinen Bauwerken und Gründungen ausführlich berichten, fließen die Nachrichten zur Person Gottfrieds sehr spärlich. Hinweise in den Gründungsgeschichten deuten aber sehr deutlich darauf hin, daß Gottfried von Beselich von adeliger Herkunft ist.

Sein Auftreten, seine Gründungen und seine Tätigkeit als „Bauherr" von Kirchen, Kapellen und Brücken geben uns einen Fingerzeig auf seine Herkunft. Da seine regen Bautätigkeiten nicht unerhebliche Kosten verursachten, liegt die Vermutung nahe, daß Gottfried von Beselich über ein beträchtliches Vermögen verfügen konnte. Weitere Hinweise geben uns die Gründungsgeschichten der Klöster Altenberg und Beselich!

In Altenberg erbaute er eine Kirche nebst Gebäuden für ein Kloster.

In Beselich war es ihm nicht nur möglich eine Kirche zu bauen, sondern zur Klostergründung auch noch seinen zehntfreien Hof zur Verfügung zu stellen. „Der Besitz des zehntfreien Hofes läßt mit einiger Sicherheit vermuten, daß Godefried von Beselich einem edelfreien Geschlecht des Lahngebietes angehörte" (Gensicke: „Gottfried von Beselich"). Einige Hinweise lassen vermuten daß er dem Hause Katzenelnbogen entstammt. Doch dies liegt im Bereich der Spekulation und läßt sich nicht mit der nötigen Sicherheit belegen.

Das von Gottfried von Beselich gegründete Kloster stellte über mehrere Jahrhunderte den religiösen, gesellschaftlichen und kulturellen Mittelpunkt in unserer Region dar.

Aus der Geschichtswissenschaft geht hervor, daß unser Gottfried von Beselich für eine ganze Reihe von Gründungen und Bauwerken verantwortlich gezeichnet hat. Aus dem Jahre 1156 ist uns seine, nach dem heutigen Kenntnisstand erste Gründung/Stiftung, der des Klosters Walsdorf (zwischen Bad Camberg und Idstein) in einer Dotationsurkunde überliefert. „Ein gewisser Godefridus, ein frommer Priester, eifrig und andächtig in Gottes Wort und Werk, habe durch seine heilige und stetige Predigt" vom Dorf einen „öden Platz" erhalten und dort das Kloster errichtet. In dieser Urkunde findet der Name „Beselich" seine erste bekannte Erwähnung. Ein Chronist der Walsdorfer Klostergeschichte ging sogar soweit, ihn als „Apostel des Goldenen Grundes" zu bezeichnen. Wenig später bestätigt Erzbischof Hillin von Trier im Jahre 1163 dem Kloster Arnstein Gottfrieds Beselicher Stiftung zur Klostergündung. Nach dieser Urkunde erfolgte die Schenkung aber bereits schon in der Zeit von König Konrad III. und Papst Innozens II. (also der Zeitraum zwischen 1138 und 1143).

Ebenfalls aus dem Jahre 1163 stammt die „Stifterinschrift" in der Kirche zu Bubenheim in der Pfalz. Das Dorf war damals Besitztum des Klosters Arnstein. Höchstwahrscheinlich trat Gottfried im Auftrag von Arnstein als Bauherr in Bubenheim auf. In der Kath. Pfarrkirche findet sich am linken Chorpfeiler die „Stifterinschrift", die in ihrer Form und der Entstehungszeit einzigartig ist. Die lateinische Inschrift lautet in ihrer Übersetzung wie folgt:

Im Jahre der Geburt des Herrn 1163 habe ich der unwürdige Priester Godefridus dieses Haus zu Ehre des Herrn und seiner Mutter und des hl. Apostels Petrus von Grund auf wiederaufgebaut. Ich bitte jeden, der in diesem Hause das Opfer darbringt, daß er mein Gedächtnis begehe und als Tag meines Todes den 9. November beobachtet."

Auf der unteren Hälfte der 1,63 m hohen und 0,63 m breiten Tafel befindet sich eine ca. 80 cm hohe Gestalt eines beide Hände in Opfergestus emporhaltenden Priesters. Über seinen Händen befindet sich eine rechteckige, 22 cm hohe Vertiefung, die wohl als eine Art Sepulcrum zur Aufbewahrung einer Reliquie, von Weihegaben oder ähnlichem gedient hatte. Neben der Figur findet die Inschrift ihre Fortsetzung: Eine links schräg ansteigende Schrift nennt den Dargestellten ,,Godefridus, unwürdiger Pastor dieser Kirche" und spricht in Spiegelschrift fortgesetzt ,,bittet, daß du seiner gedenkest".

Nach der Gründungslegende wurde das Kloster Altenberg bei Wetzlar von einem wandernden Priester Gottfried gegründet. Er habe „seinen Beinamen der ,,Rufer" gehabt, weil er der Gläubigen Herzen und Sinn mit seinem Geschrei der Predigten von den Lastern des Leibes und zum Bekenntnis Gottes und zu ihrer Sünden Buße fröhlich aufweckte".

Er habe den Abt von Rommersdorf um die Entsendung von Ordensfrauen gebeten (zwischen 1164-79), nachdem er durch „göttliche Wegweisung" auf dem Altenberg eine Kirche errichtet hatte. Eine erste urkundliche Erwähnung der Gründung/Stiftung durch Gottfried ist für das Jahr 1179 nachweisbar.

Nach der Überlieferung soll unser Gottfried von Beselich auch als Erbauer von Brücken, zwischen Limburg und Wetzlar, in Erscheinung getreten sein. Zwei dieser Brücken können wir heute klar identifizieren. In der Altenberger Gründungsgeschichte wird berichtet daß jener Priester Gottfried „auch eine große Brücke in Wetzlar und in Limburg über die Lahn mit Almosen zu bauen begonnen und vollendet" habe.

Auch wenn Gründungslegenden oftmals mit reichem Beiwerk geschmückt und manche Details jüngeren Datums sind, mißt die einschlägige Geschichtsforschung dieser, für die Gründung des Klosters eigentlich belanglosen Nachricht des Brückenbaues, Glaubwürdigkeit und große Bedeutung zu.

Höchstwahrscheinlich ist Gottfried von Beselich beim Bau dieser Brücken aber nicht als tatkräftiger Baumeister aufgetreten, sondern hat den Bau angeregt und sich vor allen Dingen um die Finanzierung ( „mit Almosen zu bauen begonnen und vollendet") gekümmert.

Während die Limburger Brücke, es war wohl eine Holzbrücke, schon im Jahre 1255 durch Hochwasser zerstört wurde, hat die Wetzlarer Brücke bis heute Bestand. Nach erfolgreicher Restaurierung bietet die Wetzlarer alte Lahnbrücke wieder ihr malerisches mittelalterliches Bild.

Im Rahmen der Dorferneuerung für den Ortsteil Obertiefenbach der Gemeinde Beselich wurde im September/Oktober 1999 ein Brunnen errichtet, der auf Basaltsäulen die Statue des Gottfried von Beselich zeigt.

Damit würdigt die Gemeinde Beselich auch die christliche Überzeugung dieser herausragenden Persönlichkeit des 12. Jahrhunderts.

Diese kurze Abhandlung bietet nur ein sehr unvollständiges Bild vom Leben von Wirken unseres Gottfried von Beselich. Ausführliche, zum Teil noch nicht veröffentlichte Informationen über Leben, Werk und Gründungen des Rufers Gottfried bietet die zur Brunneneinweihung erscheinende Veröffentlichung „Gottfried von Beselich - Leben und Werk" des Vereins zur Erhaltung der Klosterruine Beselich e.V.

Text: Christof W. Martin